Damals dachte ich über Gebärdensprache ganz anders als heute…

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Schulmädchen lässt sich von Lehrerin und Arzt belehren: Gebärden sind schlecht!
Zu meiner Zeit in der Schule (ca. 1985)

Meine 180-Grad-Wende begann, als ich meine Berufsausbildung in Winnenden machte. Erfahren Sie selbst, wie es zu dieser Wende in meinem Denken über die Deutsche Gebärdensprache kam.

So dachte ich früher über die Gebärdensprache

Ich bin gehörlos geboren worden – so stellten es die Ärzte kurz nach der Geburt fest. 1977 gab es noch nicht die Technik für ein Hörscreening, was man heute machen könnte. Ich war noch im Kindergarten der Gehörlosenschule. Meine Eltern hatten aber den Eindruck, dass ich doch einen größeren Hörrest hatte und kämpften, dass ich auf eine Schwerhörigenschule kam. Ab dieser Zeit war ich nur noch unter „Hörenden“. Noch vor der Schule übte Mutti mit mir spielerisch das Sprechen und behalf sich mit Bildern und großen Buchstaben-Stempeln. So lernte ich gleichzeitig Sprechen und Lesen. Weil sie so viel übte, kann ich bis heute gut sprechen und man merkt mir über meine Aussprache nicht wirklich an, dass ich an einem Ohr an Taubheit grenzendend schwerhörig bin und auf dem anderen Ohr quasi ertaubt bin. Ich bin ihr bis heute sehr dankbar dafür! Wir benutzten schon früh das Fingeralphabet, aber das wars auch schon. Das Fingeralphabet wurde deswegen gerne benutzt, weil es damit deutlich leichter war, das Sprechen zu lernen oder etwas Gehörtes besser zu verstehen. Dass das Fingeralphabet schon damals ein wichtiger Bestandteil der deutschen Gebärdensprache war, wusste ich jedoch damals nicht.

Damals – das war eine andere Zeit als heute. Früher dachte man über die Gebärdensprache noch ganz anders als heute. Im Wesentlichen negativ, weil sie im Vergleich zur Lautsprache sozusagen minderwertig und auch nichts wert war. Die allgemeine Auffassung war, dass die Gestiken das Sprechen lernen sogar hinderten und gänzlich ohne jegliche Grammatik sei. Es sei nur eine Behelfsmöglichkeit, miteinander zu kommunizieren.

Die Lautsprache, also das Sprechen in der deutschen Sprache, wurde damals auch von vielen gehörlosen Menschen noch viel wichtiger und mit deutlich höherem Wert erachtet, weil man damit befähigt wurde, mit den hörenden Menschen kommunizieren zu können. Ebenso hatte man uns gehörlosen das eingetrichtert, dass man bloß nicht Gebärden solle.

Die Gebärdensprache, so lernte ich als Kind noch ca. 1985, hieß „Plaudern“. Ich solle nicht plaudern, denn sonst würde ich meine gute Aussprache verlieren. Das ging dann noch viele Jahre weiter munter so, bis ich meinen Schulabschluss machte. Ich hatte, obwohl ich gehörlos geboren wurde, keinen Zugang zur deutschen Gebärdensprache, weil viele Menschen so negativ darüber dachten und sich auch negativ darüber äußerten. Sowohl hörende, als auch schwerhörige Menschen, vor allem Lehrer und Ärzte.

Heute finde ich das so schade, aber das war eben die Zeit damals. Da konnten viele Eltern und deren Kinder nichts dafür. Dazu schreibe ich hier ein wenig mehr, denn das hatte viele ältere geschichtliche Hintergründe.

Ein Blick in die Deaf History

Dazu muss ich ziemlich weit zurückgehen, ins 16. Jahrhundert. Die ersten Schulen für gehörlose Kinder wurden um die 1770er durch Samuel Heinicke (in Leipzig) und Abbé de l’Epée in Paris begründet. Zuvor schon wurden u.a. auch in Spanien in Klöstern gehörlose Kinder unterrichtet, aber die richtigen Schulen entstanden erst ab 1770. Abbé de l’Epée ging von der Gebärdensprache aus, da er diese bei seinen ersten gehörlosen Schülerinnen gesehen hatte und wie sie sich untereinander unterhielten. Er erlernte diese Sprache und fügte eigene Handzeichen hinzu.

Heinicke dagegen jedoch sah die Lautsprache als Ausgangspunkt der Bildung gehörloser Menschen, um sie zum Sprechen zu befähigen, damit eine Kommunikation mit hörenden Menschen ermöglicht wird. Er unterrichtete auch gehörlose Erwachsene. Auf den Einsatz von Gebärden oder anderen visuellen Kommunikationssystemen wurde bewusst verzichtet. Mit diesem Ansatz, auch als „orale Methode“ bezeichnet, wurden den gehörlosen Menschen vor allem das Sprechen und das Mundabsehen gelehrt. Heinicke glaubte, mit dieser Methode die besten Lernfortschritte zu erzielen. Beide Begründer der Schulen, Samuel Heinicke und L’Apeé, standen im regen Austausch, blieben jedoch bei ihren Meinungen. In Europa und auf der ganzen Welt entstanden weitere Schulen für gehörlose Kinder. Es wurden verschiedene Unterrichtsmethoden verwendet: entweder Gebärdensprache oder Lautsprache, oder auch beides zusammen. Die Taubstummenlehrer tauschten sich untereinander aus. Mit der Zeit wandelnden die meisten Schulen und bevorzugten die Orale Methode.

1880 fand in Mailand das zweite Kongress der Taubstummenlehrer statt. Dort wurden beide Unterrichtsmethoden eingehend diskutiert und mit einer Resolution entschieden, mit welcher Methode die Lehrer unterrichten sollen. Aufgrund der hohen Anzahl an Lehrern, die sich für die orale Methode einsetzten, gewann der Orale Ansatz. Begründet wurde dies, dass nur der orale Ansatz den gehörlosen Kindern zu einer geistigen Entwicklung verhelfen könne und damit sie mit den hörenden Menschen kommunizieren konnten.

Für ca. 100 Jahre hatte dies weltweite fatale Auswirkungen: gehörlose Menschen und Kinder wurden nur noch mit der oralen Methode unterrichtet und die Gebärdensprache wurde fälschlicherweise als eine minderwertige Sprache verachtet und unterdrückt. An den Gehörlosenschulen wurde die Gebärdensprache verboten. Heimlich jedoch kommunizierten die gehörlosen Schüler in Gebärdensprache miteinander, in Pausen und in den Internaten. Mir wurde von einigen älteren, gehörlosen Menschen berichtet, dass sie in der Schule ziemlich oft auf ihren Händen sitzen mussten. Sie mussten also Ihre Hände mit der Handfläche nach unten auf den Stuhl legen und sich dann darauf setzen. Der Grund war, damit die Kinder die Hände und somit die Gebärdensprache während des Unterrichts nicht benutzen konnten. Wenn doch während des Unterrichts die Hände „flogen“, kann es passieren, dass man sie bestrafte und mit dem Rohrstock auf ihre Hände schlug. 

Dieses schlechte Denken über die Gebärdensprache und Gehörlosigkeit führte sogar soweit, dass unter der Herrschaft der Nationalsozialisten 1933-1945 gehörlose Menschen zwangssterilisiert wurden, wenn sie gehörlose Vorfahren hatten.

Vertiefende Details erfahrt ihr im Artikel externer LinkVerbot der Gebärdensprache“ und externer LinkGeschichte der Gehörlosenpädagogik„.

Zur Erläuterung möchte ich noch hinzufügen:

„Taubstumm“ sagt man heute nicht mehr. Denn Gehörlose können das Sprechen erlernen. Außerdem können wir uns vollumfänglich in der Deutschen Gebärdensprache ausdrücken. Daher passt „Stumm“ gar nicht zu uns.

Mit dem Mundabsehen kann nur ca. 30% des Gesprochenen verstanden werden. Das bedeutet, dass die Wissensvermittlung früher in den Schulen eher langsam voranging und die Inhalte öfters wiederholt werden musste. Obwohl die Schriftsprache benutzt wird, erschließt sich nicht immer automatisch alles, was mündlich und inhaltlich erklärt wurde, da Schriftsprache für gehörlose Menschen eine Fremdsprache bleibt.

Die allgemeine Ansicht zur Deutschen Gebärdensprache ändert sich langsam

Ich musste eine Berufsausbildung machen. Nach vielen Beratungen wählte ich schweren Herzens die Ausbildung zur Bauzeichnerin im Hochbau. Das Jobcenter hatte damals, 1995, nur einige wenige Vorschläge für Berufe speziell für die hochgradig schwerhörigen und gehörlosen Menschen empfohlen und man konnte auch nur in diesen Berufen eine Ausbildung machen. Es waren typische Berufe, bei denen man nicht zwingend hören musste. Da war Bauzeichnen einer dieser Berufe. Also kam ich dann, weil es wegen meiner starken Hörbehinderung nicht anders möglich schien, auf ein Berufsbildungswerk nach Winnenden bei Stuttgart. Dort musste ich – anders als in meiner Schulzeit – im Internat wohnen und genas diese Zeit sehr. Ich war 16 und es war eine Möglichkeit, selbstständig zu werden und auch ohne die Hilfe meiner Eltern leben zu können. In fast jeder Internatgruppe gab es gehörlose Menschen. In meiner Gruppe war ein gehörloses Mädchen, das auch gehörlose Eltern hatte. Ich fand es sehr faszinierend, was sie alles in der Deutschen Gebärdensprache zu erzählen hatte. Auch andere gehörlose Auszubildenden hatten einiges zu erzählen. 

Die Zeiten haben sich nämlich mittlerweile geändert. Zwar noch lange nicht bei den Behörden, aber bei vielen gehörlosen Menschen in Deutschland. Denn ca. 1980 trat in Deutschland eine kleine Gruppe von Linguisten auf die Bühne, die sich sowohl aus hörenden als auch aus gehörlosen Forschern zusammensetzte, um sich dieses „Plaudern“ mal näher anzuschauen. Sie wurden angeregt durch die Forschungen 1965 in den USA, bei der der Linguist William C. Stokoe die American Sign Language nach den gleichen linguistischen Methoden wie für Lautsprachen untersucht hatte und feststellte, dass die American Sign Language (ASL) gleichwertige Elemente besitzt wie auch das Amerikanische Englisch. Wie auch die Lautsprache enthält die ASL zum Beispiel die kleinste bedeutungstragende Einheit. Wenn der Buchstabe „M“ von Maus durch „H“ ersetzt wird, wird aus einem Tier ein Haus. Genau diese Elemente besitzt auch die amerikanische Gebärdensprache.

Das wollten nun deutsche Forscher herausfinden, ob dies auf dieses „Plaudern“ ebenfalls zutrifft. Nach 5 Jahren Forschung stellt sie fest: Ja, die als „Plaudern“ genannte Deutsche Gebärdensprache ist eine gleichwertige, vollwertige Sprache und gleichzusetzen wie die Deutsche Lautsprache!  Es dauerte jedoch noch einige Jahre, bis diese Information auch beim letzten gehörlosen Menschen angekommen ist. Und damals gab es ja noch die DDR und dort wuchs ich auf. Da kam die Information noch später an, erst mit dem Mauerfall 1989.

Nun wurde aus diesem Plaudern die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Es dauerte noch einige Zeit, bis auch die gehörlosen Menschen stolz sein konnten auf ihre Sprache, die sich über die jahrzehntelange Unterdrückung herübergerettet hatte. 

Es gibt keine Sprache ohne die dazugehörige Kultur und deren Traditionen. Genauso ist es auch mit der Deutschen Gebärdensprache, auch sie hat eine externer Link eigene Kultur, eigene Geschichte, Bräuche und Traditionen. Während meiner Berufsausbildung begann ich, erst durch Beobachtung und später durch die Interaktion mit den gehörlosen Mitlernenden, die Deutsche Gebärdensprache zu erlernen und anzuwenden. Ebenso erlebte ich die wunderbare Welt der Kultur der Gehörlosen. Ich entdeckte, dass sich mit der Deutschen Gebärdensprache alles ausdrücken lassen konnte, was man sagen wollte. Auch Gefühle hatten ihre eigenen Gebärden. Insgesamt ist es auf Grund der Verwendung u.a. der Mimik, Körpersprache, Rollenübernahme eine sehr lebendige Sprache, die mir sehr gefiel und zu der ich auch eine tiefen Bezug erhielt. In den 3 Jahren der Ausbildung verschlechterte sich zeitgleich unbemerkt meine bisher gute Aussprache, aber das habe ich schnell durch Logopädie wiederhergestellt. 

Gefühlsmäßig saß ich lange „zwischen den beiden Welten“. Ich fühlte mich zu keiner Welt wirklich zugehörig. Ich vertiefte zwar mein Wissen in Gebärdensprache allein durch die Verwendung und auch durch den Besuch eines Gebärdensprachkurses, in der ich vieles einordnen konnte, was ich während der Ausbildung als „Kind“ aufgeschnappt hatte, mir jedoch unklar blieb. Dennoch fühlte ich mich weder der hörenden Welt zugehörig, weil ich zu schlecht hörte, noch der gebärdensprachigen Welt, weil ich für die Gehörlosen zu gut hörte und sie mich als eine Hörende ansahen, also nicht als eine von ihnen. Klar gibt es auch die schwerhörigen Menschen, dennoch sehen sie sich nicht als eine eigene Gruppe mit einer eigenen Kultur an und orientierten sich stark an die Kultur der hörenden Menschen.

Das zwischen den Stühlen sitzen war für mich viele Jahre ein großes Dilemma. Ich fühlte mich zu beiden Welten hinzugezogen, aber von ihnen nicht wirklich akzeptiert. 

Aus Drei wird Eins

Dieses Dilemma sollte sich erst mit meiner Weiterbildung in Heidelberg ändern. Angeregt und finanziert durch die Agentur für Arbeit lernte ich dort alles, was eine Kommunikationsassistenz für Gebärdensprache braucht und zusätzlich das pädagogische Hintergrundwissen für die Arbeit als Pädagogische Assistenz mit Gebärdensprache. Ich vertiefte mein Wissen auch im Bereich des bilingualen Spracherwerbs. Ich las entsprechende Fachliteratur über Mehrsprachigkeit bei Kindern, welche hauptsächlich auf zwei Lautsprachen wie z.B. Deutsch und Französisch bezog. Es gab auch Literatur zum bilingualen Spracherwerb bei gehörlosen Kindern, also Gebärdensprache und Lautspache. Plötzlich machte für mich vieles Sinn und da verstand ich, dass ich alle Welten in mir vereinen konnte. Mit der Schwerhörigkeit waren es drei Welten. Ich fühlte mich endlich in allen drei Welten zu Hause und konnte akzeptieren:

Gebärdensprache ist jetzt ein Teil von mir!

Aus heutiger Sicht w ar es ziemlich fatal, dass 100 Jahre lang sowohl viele gehörlose Kinder von hörenden Eltern als auch die Eltern selbst die Deutsche Gebärdensprache nicht erlernen und anwenden durften. Dadurch ist auch heute noch in diesen Familien die Kommunikation zwischen den hörenden und gehörlosen Familienmitgliedern sehr schwierig. Durch das Sprechen erlernen nahm man zudem meistens den gehörlosen Kindern die Möglichkeit einer unbeschwerten Kindheit.

Die Deutsche Gebärdensprache wurde in Deutschland erst am 27. April 2002 gesetzlich anerkannt:

„Die Deutsche Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt.“

Behindertengleichstellungsgesetz BGG, § 6, Abs. 1.

Erst 17 Jahre, nachdem 1986 wissenschaftlich festgestellt wurde, dass sie gleichwertig zur Lautsprache ist!

Erst nachdem die gehörlosen Menschen und Behindertenverbände immer und immer wieder für die Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache gekämpft hatten.

Erst nachdem 1994 das Benachteiligungsverbot – wonach niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf – im Grundgesetz verankert worden ist. (Vermutlich geschah das erst nachdem ich meine Berufsausbildung begann, aber auch da wäre in der Behörde nicht so schnell umgeschwenkt worden…)

Nachdem Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) 2009 ratifiziert (d.h. unterschrieben und angenommen) hatte, änderte sich ganz langsam die Sichtweise auf den behinderten Menschen. Sie werden jetzt nicht mehr nur integriert, sondern in die Gesellsschaft inkludiert. Inklusion bedeutet, dass auch nicht-behinderte Menschen und hörende Menschen an die der behinderten und gehörlosen Menschen anpassen müssen. Das bedeutet: Die Deutsche Gebärdensprache erlernen! Doch die Politik meint dazu bis heute: es soll nicht mehr Geld kosten als es vor der Ratifizierung gekostet hat. Das ist meiner Meinung nach völlig utopisch. Gebärdensprachdolmetscher sind nun mal notwendig und teuer… Lebenslanges Lernen ist auch ein Bestandteil in der UN-BRK, aber das wird bis heute immer noch nicht mit den Gebärdensprachdolmetschern in Verbindung gebracht…

Wir sind immer noch nicht da, wo wir sein wollen

Ja, es ist seitdem viel passiert. Der Umgang mit den gehörlosen Menschen wurde verbessert und die Verwendung der Deutschen Gebärdensprache wurde selbstverständlicher. Dennoch gibt es immer noch ganz viele Baustellen, die ich im folgenden aufführen möchte.

Die Förderschulen sollen im Sinne der Inklusion (und im Sinne der UN-BRK) abgeschafft werden. Für gehörlose Menschen wäre dies jedoch fatal, weil gerade die Gehörlosenschule die einzig wirkliche Schulform ist, an der andere gehörlose Kinder zusammen beschult werden können und so auch die Kultur der Gehörlosen weitergetragen werden kann. Die Gehörlosenschule ist eine tragende Säule unserer Gehörlosengesellschaft und darf nicht im Zuge der Inklusion abgeschafft werden! So weit sind wir in Deutschland noch nicht, dass gehörlose Kinder von der 1. bis zur 10. oder 13. Klasse an einer Regelschule bleiben. Auch heute noch wechseln viele gehörlose regelbeschulte Kinder an die Förderschule, weil spätestens mit der 7. / 8. Klasse die Anforderungen der Kommunikation zu schwierig werden und durch die ständigen Wechsel der Schülerschaft z.B. in den Wahlpflichtfächern auch die Aufklärung über die Hörbehinderung viel zu schwierig wird. Auch an Gehörlosenschulen für müssen viel mehr gebärdensprachkompetente Lehrerinnen und Lehrer angestellt werden!

Ebenso soll endlich in den Regelschulen angefangen werden, Gebärdensprache als Wahlpflichtfach zu unterrichten. Hierzu muss die Ausbildung zum Gebärdensprachdozenten endlich anerkannt und gefördert werden, das passiert leider immer noch viel zu wenig. Denn erst wenn in Deutschland jeder 3 Mensch die Deutsche Gebärdensprache sprechen kann, können gehörlose Menschen mit hörenden Menschen ohne Gebärdensprachdolmetscher kommunizieren.

Heute können gehörlose und schwerhörige Menschen fast jeden Beruf erlernen, den sie erlernen möchten. Dank dem Einsatz von Gebärdensprachdolmetschern und anderen personellen technischen Hilfen kann fast jeder Beruf auch ausgeübt werden. Daher ist es heute nicht mehr so, dass man nur eine bestimmte eingeschränkte Auswahl an Berufen hatte, die man erlernen durfte. Darüber bin ich wirklich sehr froh.

Dennoch gibt es immer noch viele Barrieren. Für hörende Menschen ist es heutzutage normal, dass man sich beruflich verändern möchte und eine neue Ausbildung, sogar Studium in einem gänzlich anderen Bereich beginnt und absolviert. Für gehörlose Menschen ist das schwierig, da das Denken in der Agentur für Arbeit „eine Berufsausbildung genügt“ immer noch vorherrscht und nur medizinische Gründe gelten lassen, die einen Berufswechsel zwingend machen, damit man eine andere Ausbildung mit der Hilfe der Gebärdensprachdolmetschern machen kann. Auch gehörlose Menschen entdecken nach einigen Jahren des Arbeitslebens, dass ein anderer Berufszweig viel besser zu ihnen passt und sie gerne in diesem anderen Arbeitsbereich arbeiten möchten. Dies sollte ohne Weiteres möglich sein. So wurde zum Beispiel einer gehörlosen Person kurz nach ihrer ersten Ausbildung, die sie durchgezogen hat, obwohl sie sich dort nicht wohlfühlte, eine Ausbildung im Bereich der Pflege abgelehnt, obwohl sie bereits als Aushilfe in der Pflege arbeitet und sich weiterbilden möchte. Un das, obwohl Deutschland händeringend nach Pflegefachkräften sucht. Verrückte Welt!

Dieses „Lebenslange Lernen“ ist für gehörlose Menschen immer noch keine Selbstverständlichkeit. Auch gibt es zum Beispiel an Volkshochschulen wenig Angebote in Deutscher Gebärdensprache. Muss jedoch ein Antrag gestellt werden für Gebärdensprachdolmetscher zum Besuch einer solchen Weiterbildungsmöglichkeit, muss man auch heute immer noch vorlegen, welche Einkünfte man hat und dann ist es nicht immer klar, ob man die Gebärdensprachdolmetscher auch finanziert bekommt. Die Entkoppelung vom eigenen Verdienst ist auch eine weitere Baustelle, für die wir gehörlose Menschen noch kämpfen müssen.

Ein weiteres Problem ist, dass wir immer noch viel zu wenige Gebärdensprachdolmetscher haben. Momentan ist das Verhältnis von 1 Gebärdensprachdolmetscher ca. 100 gehörlose Menschen. In den USA sind sie schon 20 Jahre viel weiter voraus und dort ist heute das Verhältnis von 1 Gebärdensprachdolmetscher und 10 gehörlose Menschen. Da müssen wir hin!

Die Deutsche Gebärdensprache soll zusammen mit ihrer Kultur ähnlich wie Sorbisch oder Dänisch (in Schleswig Holstein) als Amts- und Minderheitensprache und Minderheitenkultur anerkannt werden. Der Gehörlosenbund ist da schon seit Jahren dran und stellt entsprechende Anträge. Neulich wurde der Antrag abgelehnt mit der Begründung, dass die Deutsche Gebärdensprache keine Schrift hat und somit nicht als Minderheitensprache anerkannt werden kann. Nur wenn eine Sprache eine Schrift hat, kann es als Minderheitensprache anerkannt werden. Ich kann nur darüber den Kopf schütteln: Da ist echt noch viel Aufklärung nötig!

Im Fernsehen wird die Deutsche Gebärdensprache immer noch weitgehend versteckt. Selbst heute noch werden die Reden des Bundespräsidenten oder des Bundeskanzlern nur in einem einzigen Programm – dem Phönix – mit der DGS-Übersetzung versehen. Ich möchte jedoch, dass es selbstverständlich wird, dass diese Reden im ARD und ZDF mit Gebärdensprachdolmetschern übertragen werden! Südafrika macht das schon seit Jahren vor, in Frankreich ist das auch völlig selbstverständlich, in den USA sowieso. Wieso ziert sich da die Deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern immer noch so dermaßen damit herum? Im Internet in den Mediatheken gibt es viele Sendungen mit Gebärdensprache, auch die Nachrichten. Doch wieso nicht ganz normal auch im öffentlichen Fernsehen wie zum Beispiel im ARD und ZDF?! Es ist vielleicht auch Meckern auf hohem Niveau, aber in den einzigen Nachrichten um 14 Uhr über Nachrichten von und über Deutschland gibt es keinerlei Untertitel! Selbst Corona hatte daran nichts geändert. Als ich mich mal beschwerte, bekam ich die Info, dass sie schon 98% der Sendungen untertitelt hätten. Ja, das ist auch super, keine Frage! Doch warum sollen gehörlose und schwerhörige Menschen immer noch von den Nachrichten nur und über Deutschland abgeschnitten bleiben?! Das verstehe ich nicht wirklich.

Noch bis vermutlich heute sind viele Ärzte der Meinung, dass frisch geborene gehörlose Kinder ein Cochlea Implantat (CI) implantiert werden muss, damit es gerüstet sei für die Zukunft. Die Gebärdensprache wird heute noch immer noch vielerorts von den Ärzten als „nicht nötig“ und nicht empfehlenswert empfunden, verschwiegen und oft nicht als eine mögliche Alternative zum CI vorgeschlagen. Viele dieser hörenden Eltern werden auf diese Weise heute immer noch verunsichert, welche Rechte sie haben und welche Rechte das gehörlose Kind hat. Und was das Beste für das gehörlose Kind ist. Erst vor wenigen Jahren musste ein Gericht darüber entscheiden, dass den Eltern eines gehörlosen Kindes bei deren Entscheidung gegen ein CI keine Kindeswohlgefährdung vorliegt, weil es die Deutsche Gebärdensprache (DGS) erlernen und eine gleichwertige Zukunft mit der DGS haben kann. Auch in der Frühförderung gehörloser Kinder ist die Deutsche Gebärdensprache immer noch nicht ganz selbstverständlich, aber das ändert sich zu meiner Freude bereits langsam.

Nur wenn im Sinne einer wirklichen Inklusion die Eltern und weitere Menschen ebenfalls die Deutsche Gebärdensprache erlernen, kann eine Kommunikation zum gehörlosen Kind sichergestellt werden. Mit der Sprache kann sich die sozial-emotionale Entwicklung des Kindes und deren Bezug zu den Eltern ganz normal entwickeln. Das gilt übrigens für jede Sprache, egal welche: Nur mit der Sprache kann sich das Kind sozial-emotional normal entwickeln. 

Was mache ich für mehr Barrierefreiheit für gehörlose Menschen?

Damit sich gehörlose Kinder normal entwickeln können, genau das ist heute meine Aufgabe im Kindergarten: Ich übersetze viel zwischen beiden Sprachen und bringe allen nach und nach die Deutsche Gebärdensprache bei. Das geht natürlich nur in einem guten Netzwerk, bei dem auch ein Hausgebärdensprachkurs im Kindergarten Bestandteil ist und durch meinen Kollegen ein Unterricht der Erziehenden in Deutscher Gebärdensprache stattfindet. Ist die Basis einer Sprache gelegt, können weitere Sprachen viel leichter erlernt werden. Das gilt auch für die Lautsprache. Erst durch die Gebärdensprache kann im späteren Schulalter die Lautsprache erlernt werden.

11 Kommentare

  1. Moin Karin,
    vielen Dank für diesen äußert informativen Blogartikel. Total spannend, auch mit den geschichtlichen Hintergründen.
    Als Kind hatte ich mir mal das Fingeralphabet beigebracht, aber ich kann mich an nichts mehr erinnern … :/
    Beim Lesen sind mir zwei Fragen in den Sinn gekommen:
    Was ist eine Gebärdensprachdolmetschern (was macht sie, wie wird man das etc.)?
    Welche „Sprache“ könnte ich – weder selbst Gehörlos, noch entsprechendes Umfeld – lernen (und wo), um mich mit „Fremden“ unterhalten zu können? (Ich denke da an Situationen, wie jemand fragt nach dem Weg oder man lernt sich im Urlaub kennen etc.)
    Mit diesen Inspirationen für potenziell neue Blogartikel verabschiede ich mich und wünsche dir ein wundervolles Wochenende.
    LG Rosi

  2. Liebe Karin,
    was für ein interessanter Artikel, vielen Dank dafür. Die historischen Fakten und deine persönlichen Erfahrungen habe ich sehr gerne gelesen. Vor der Coronazeit habe ich an der VHS einen Gebärdensprachkurs gemacht und fand das toll (aber auch echt schwierig, z.B. auf die Haltung der Augenbrauen zu achten). Leider habe ich fast alles wieder vergessen, meinen Spitznamen in der Gebärdensprache kann ich aber noch.
    Die Dozentin hat den Kurs gemeinsam mit ihrer hörenden Tochter erteilt und uns auch ein paar Einblicke in ihr Leben und die Gehörlosen-Kultur gegeben. Bei dieser Frau hat man gut gemerkt, dass sie stolz auf ihre Sprache und Kultur ist.
    Vielen Dank für deinen Einsatz und alles Gute
    Ilka

  3. Liebe Karin, danke für diesen Beitrag und für deinen wichtigen Einsatz für die Anerkennung und Verbreitung der DGS. Als Hörende hatte ich bisher kaum Berührungspunkte mit nichthörenden Menschen. Deshalb hat mich meine erste Begegnung vor 20 Jahren, im Rahmen der Therapieausbildung auch überrascht und fasziniert. Seitdem fällt es mir auf, wenn in Filmen bzw. Nachrichten DGS Dolmetscher:innen eingesetzt werden. Hier bei dir über die Geschichte der DGS zu lesen und über deine eigene Geschichte, macht mich ein wenig betroffen und sprachlos ob der bisherigen (auch eigenen) Ignoranz diesem Thema und den Menschen gegenüber. Ich bin im sozialen Bereich tätig und wir beschäftigen Erzieher:innen, Heilpädagog:innen, Sozialarbeiter:innen und von den knapp 50 Beschäftigten unseres Trägers beherrschen gerade einmal 2 Mitarbeiterinnen die DGS. Das ist wohl symptomatisch für den Umgang damit, denn in keiner dieser Ausbildungen gehört die DGS zu den Lerninhalten. Dank der TCS Kommentarwelle bin ich jetzt bei dir gelandet und werde mir noch weitere deiner Beiträge durchlesen. Herzliche Grüße Sylvia

  4. Liebe Karin vielen Dank für die Einblicke in deine Welt. Das ist sehr interessant und erklärt, wie es Menschen geht, die eine Einschränkung haben.
    Ich habe auch schon im Wutseminar, eine Gehörlose Teilnehmerin und eine blinde Frau begleitet. Das war eine tolle Erfahrung für mich.
    Es ist toll, wie du dich für deine Rechte einsetzt und anderen hilfst, das zu tun.

    Ich wünsche dir weiterhin viel Freude und Erfolg.

    Herzliche Grüße von Anita

  5. Liebe Karin,
    ich bin seit den gemeinsamen ZoomZusammenkünfte zutiefst fasziniert, wie du uns verstehen kannst. Für mich, die über die Ohren die Sprache versteht, ein Mysterium. Vielen Dank für deine Einsicht in die Welt der Gehörlosen. Auch hier: der Kampf um das beste Konzept. Wie gut, dass sich nun die Gebärdensprache als gleichwertig durchgesetzt hat. Wie schön, dass du in Heidelberg deine Berufung finden konntest. Heidelberg ist meine Geburtsstadt! Ich wünsche dir weiterhin viel Freude mit den Kindern und all den anderen Aktivitäten, die sich um deine Herzensangelegenheit drehen.
    Liebe Grüße
    Heike

  6. Liebe Karin, wow, vielen Dank für deinen Blick hinter die Kulissen und ein Stück weit in deinen Kopf und dein Herz. Ich fand es sehr spannend dein Erleben und deine Sichtweise zu lesen. Ich glaube, es braucht mehr von Menschen wie dir, die zwischen den Welten übersetzen.
    Und ich musste sehr viel an den Film „Kennen Sie die Beliers?“ denken, der mich persönlich sehr berührt hat. Danke für diesen tollen Artikel. Liebe Grüße, Katrin

  7. Das sind sehr aufschlussreiche Einblicke in diese eigene Sprache. Auch die persönlichen Erlebnisse finde ich interessant, sie machen das Thema noch viel lebendiger, wie sich das auf das Leben eines einzelnen Menschen auswirkt.
    Bei einem Konzert im September 2023 im Nürnberger Opernhaus anlässlich der Verleihung des Nürnberger Menschenrechtspreises habe ich erstmalig zwei Gebärdendolmetscherinnen erlebt, die die Musik übersetzt haben. Das hatte mich sehr berührt. Inzwischen las ich, dass auch das zwiespältig gesehen wird, weil offenbar teilweise hörende Menschen als Gebärdendolmetscher:innen arbeiten und weil man Musik für nicht hörende Menschen nicht übersetzen bräuchte. All das zeigt mir, wie komplex das Thema ist.

    1. Liebe Susanne, vielen lieben Dank für dein Kommentar! Es gibt sowohl hörende Gebärdensprachdolmetscher (sind in der überwiegenden Mehrzahl) als auch taube Gebärdensprachdolmetscher. Für die Übersetzung von Musik / Lieder in Gebärdensprache sollte jedoch nach Auffassung der gehörlosen Menschen nach Möglichkeit nur gehörlose Menschen beauftragt werden. Der Grund ist, weil nur sie auf Grund der kulturellen Erfahrungen dafür befähigt sind, die Poesie der Lieder von hörenden Musikern in die Poesie der Gebärdensprache zu übersetzen. Das müssen nicht zwingend auch taube Gebärdensprachdolmetscher sein, es gibt auch gehörlose Musiker, die das tun können. Zuvorderst geht es hier auch um das Thema der kulturellen Aneignung, weshalb es mittlerweile nicht so gerne gesehen wird, wenn hörende Gebärdensprachdolmetscher Lieder übersetzen. Das verstehe ich auch sehr gut.
      Meine Auffassung ist, dass ich zwar die Auffassung der gehörlosen Menschen teile, aber wenn sich kein gehörloser Mensch für die Übersetzung der Lieder meldet, dann soll und dürfe auch ein hörender Gebärdensprachdolmetscher die Lieder dolmetschen dürfen. Das ist doch allemal besser als gar keine Übersetzung bekommen zu dürfen. Und ja, es ist ein heißes Thema, die Übersetzung von Liedern in Gebärdensprache…

  8. Liebe Karin,

    als Patenkind einer sehr engagierten Lehrerin für hörgeschädigte Kinder und als Mutter einer sehr aufgeweckten Tochter, die als Matura-VWA-Arbeit das Thema „Gebärdensprache“ wählte, habe ich nun voller Neugierde deinen Beitrag gelesen. Vielen herzlichen Dank dafür, dass du deine Geschichte mit uns teilst.

    Ich hoffe, dass ganz, ganz viele Menschen deinen Blogartikel finden und lesen werden. Die Inhalte sollen raus in die große weite Welt, damit zukünftig jedes betroffene Kind von Anfang an bestmöglich gefördert werden wird.

    Sehr schön und berührend fand ich auch den Abschnitt, in dem du von der unermüdlichen Vorgehensweise deiner Mama erzählst. 🥰 Eine tolle Frau, die tat, was sie für richtig hielt!

    GUT ZUPF,
    Nicole 🎵

  9. Liebe Karin,
    ganz herzlichen Dank für Deinen sehr fundierten und informativen Beitrag zur Gebärdensprache.
    Das ist ja eine riesige Entwicklung, die wir in den letzten Jahren gemacht haben. Heute kommt es mir schon so selbstverständlich vor, dass auch in Gebärdensprache kommuniziert wird.
    Und wenn der Hörsinn weitestgehend wegfällt, ist es verständlich, wenn dieser durch einen anderen Sinn sprich in diesem Fall den Tastsinn erweitert oder ergänzt wird.

    1. Ganz lieben Dank, liebe Gesa!
      Ja, es sind schon Fortschritte, die ich auch sehr begrüße, obwohl es immer noch viele Barrieren gibt. Bezüglich des Wegfalls des Hörsinns meintest du vermutlich eher den Sehsinn als Ersatz des Hörsinns? Aber klar, es gibt noch viele andere Sinne wie Fühlen, Riechen, Tasten…. Warm-Kalt usw.
      Viele Grüße Karin

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