Müssen sich Museumsführende wirklich auf eine Epoche spezialisieren?

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16 verschiedene Bilder zu verschiedenen Epochen verschiedenster Künstler
Von oben links: Ausstellungsflyer Museum für Modernes Glas, Coburg. Deichtorhallen Hamburg: Chaplin in pictures, Chaplin in "The Rink". "...über den ziehenden Wolken der Fuji..." (ohne Bildangabe - Japanischer Holzschnitt mit Frau und Fuji) im Schloss Friedenstein Gotha. Das Auge von Christo und Jeanne-Claude - Fotografien von Wolfgang Volz (Foto: "The Pont Neuf Wrapped" Paris, Frankreich, 1975-85), Kunsthalle Erfurt. "Das Geheimnis der Mumien" (ohne Bildangabe - Ansicht einer Mumienskulptur von vorn), Schloss Friedenstein Gotha. "Im Hafen von Peppermint" ("Zillen unter Segel") Die Schiffe Lyonel Feiningers, Museum der Stadt Wolgast. Postkarten: Edvard Munch "Zum Walde I", nach 1914, Farbholzschnitt. M.C. Escher: "Other world II", 1947. Ausstellungsflyer "Rosen" (Öl auf Leinwand, 1994) zu Gerhard Richter, im K20 in Düsseldorf. Comic-Zeichnung von Markus Färber - Werbepostkarte zum Rundgang der Kunsthochschule Kassel 2007. Ausstellungsflyer zur Gemäldegalerie Staatliche Museen zu Berlin, Jan Vermeer van Delft, Das Glas Wein (Detail). Hanne Darboven "Hommage à Picasso mit Bronzeskulptur Ziege 1994 (Fotograf Wolfgang Binding). Postkarten: Adolf Erbslöh "Haus im Garten" 1912, Von der Heydt-Museum Wuppertal. "Gremlin in the Studio II" (Kobold im Atelier II um 1865-1875) von Martin Johnson Heade zur Ausstellung "Neue Welt. Die Erfindung der amerikanischen Malerei" Bucerius Kunst Forum Hamburg. "Animal-Paper" von Nicole Fabert zur Ausstellung ihrer Abschlussarbeit. Ausstellungsflyer zu "Verehrt und Verfemt - Chagall und Deutschland", (Merkur und der Holzfäller (Detail) 1926, Privatbesitz) Max Liebermann Haus Berlin. Postkarte "Wolken" Aquarell um 1930 von Emil Nolde.

Ich sage: Das kommt ganz stark drauf an, was du machen möchtest oder wer deine Zielgruppe ist. Meine Erfahrung zeigt: Inklusion benötigt Themenvielfalt!

Muss ich mich spezialisieren?

Bei Museumsführenden für hörende Menschen ist eine Spezialisierung auf eine bestimmte Kunstepoche oder auf ein bestimmtes Themengebiet (Geschichte, Natur etc.) durchaus notwendig. Es gibt ziemlich viele Führende, die Führungen machen. Daher lohnt sich auch eine Spezialisierung auf ein bestimmtes Themengebiet oder Epoche.

Bei mir kann diese Art der Spezialisierung nicht funktionieren. Ich habe mich nämlich bereits spezialisiert auf Führungen in Deutscher Gebärdensprache. Meine Zielgruppe sind gebärdensprachige Menschen, also vor allem gehörlose Menschen und Schwerhörige, die auf die Deutsche Gebärdensprache angewiesen sind.

Verglichen mit der Zielgruppe der nicht-gebärdensprachigen (also gut hörenden Menschen) ist meine Zielgruppe mit 1 – 2% von der hörenden Zielgruppe schon ziemlich klein. Bildlich und rechnerisch gesehen bedeutet das: von insgesamt 1000 hörenden Menschen sind es bei mir nur 10 gebärdensprachige Menschen. Zusätzlich spezialisiere ich mich auf Museen in Nordhessen. Also Stadt Kassel und dem nahen Umland. In der Stadt Kassel und im Landkreis Kassel leben zusammen ca. 440.000 Menschen. Rechnet man dann 1% von dieser Zahl, komme ich auf maximal ca. 440 gebärdensprachige Menschen im gleichen Einzugsgebiet. Ich selbst weiß vom Allgemeinen Gehörlosenverein Kassel und Umland e.V., dass es ca. 250 gehörlose Menschen in Nordhessen sind. Also inklusive der weiteren Landkreise in Nordhessen!

Kann ich es mir dann „leisten“, dann noch eine Spezialisierung auf eine einzige Kunst-Epoche (zum Beispiel nur „Neue Kunst“ oder „Alte Meister“) dazuzunehmen? Ich sage: Nein! Dann erreiche ich nicht mehr „alle“ Menschen aus meiner schon ziemlich kleinen Zielgruppe von rechnerisch ca. 440 Menschen!

Viele Museen, die ich schon angefragt habe, möchten jedoch, dass ich mich auf eine bestimmte Epoche spezialisiere. Ich sage dazu nur: das kann bei mir nicht funktionieren, weil ich mich schon darauf spezialisiert habe, Führungen in Deutscher Gebärdensprache anzubieten. Deswegen sage ich:

Vielseitigkeit und Gebärdensprache ist meine Spezialisierung! 

Meine Spezialisierung ist es, Führungen in Deutscher Gebärdensprache durchzuführen. Meine Zielgruppe der gebärdensprachigen Menschen wünscht sich eine direkte Kommunikation! Das heißt, dass sie nicht mit Gebärdensprachdolmetschern an einer Führung teilnehmen möchten, wenn Führungen mit einem gebärdensprachigen Museumsführenden möglich sind. Genaueres hierzu habe ich schon in diesen beiden Artikeln geschrieben:

Meine Zielgruppe erfordert eine andere Spezialisierung von mir:
Die Vielseitigkeit der Themen in den Ausstellungen! Deshalb benötige ich nicht noch zusätzlich eine Spezialisierung in einer Kunst-Epoche.

Ich bin schon von Kind sehr vielseitig interessiert und offen für jegliches Thema. Deshalb ist Vielseitigkeit meine weitere Spezialisierung! In meiner Zeit als Führende in der Bundeskunsthalle in Bonn habe ich schon Führungen zu verschiedensten Themen gemacht und meine Teilnehmenden waren alle immer wieder sehr zufrieden und sind mit neuem Wissen in ihrer Sprache bereichert nach Hause gegangen.

Genau das ist mein Ziel: Gebärdensprachige Menschen können ihr Wissen erweitern. In meinen gebärdensprachigen Führungen.

Da ist eine Spezialisierung auf eine bestimmte Epoche eine zu sehr starke Spezialisierung. Das kann nur funktionieren wie zum Beispiel in einer Großstadt wie München oder Berlin, wenn es mehrere gebärdensprachige Führende gibt. Dann kann man sich auf einen bestimmten Bereich spezialisieren. 

Ich könnte zum Beispiel weniger eine Führung in einer Ausstellung über Technik machen, weil es dann doch etwas fernab von meinem künstlerischen Bereich ist. Zusätzlich gibt es hier in Kassel bereits jemanden, der gebärdensprachige Führungen im Bereich Technik macht. Doch was zur Kunst gehört ist alles, was die Kunst bereits als Thema benutzt: Archäologie, Natur, Wetter, Tiere, Geschichte, alle Kunst-Epochen von Antike bis heute, Entwicklung des Menschen und Künstler jeglichen Bereiches wie Musik, Literatur usw. 

Lohnt es sich denn überhaupt, Führungen für diese kleine Zielgruppe zu machen?

Rein wirtschaftlich gesehen muss ich sagen: nein. Wenn ich mich wie jeder museumsführender Mensch pro Ausstellung ca. 2-3 Wochen Zeit investieren muss, um mich für die ca. 2-3 Führungen pro Ausstellung (außerhalb Großereignissen) vorzubereiten. Nein, rein wirtschaftlich gesehen kann das nicht funktionieren.

Wirtschaftlich gesehen müsste ich 15 Führungen pro Monat machen. Egal welche Ausstellungen. Doch bringt das meine Zielgruppe? Rechnen wir das mal durch: Eine Ausstellung ist ungefähr 3 Monate lang in einem Museum zugänglich. Bei 15 Führungen im Monat müssten die Teilnehmenden, ca. 200 Menschen in Nordhessen, schon ziemlich gerne ins Museum gehen. Auch entsprechend das Geld dafür haben. Doch gerade Familien mit Kindern müssen bei den jetzigen ziemlich gestiegenen Lebenskosten-Preisen häufiger abwägen, für was sie das Geld ausgeben möchten. 

Bei Großereignissen wie bei einer documenta kann das funktionieren. Denn da kommen viel mehr gehörlose Menschen nach Kassel – eine große „Spielwiese“ für mich mit ganz vielen verschiedenen Häusern und Themen. Mein Konzept zur documenta 15 war gewesen, viel mehr Führungen als „nur“ zwei-drei Führungen anzubieten. Ich hatte sogar noch extra International Sign gelernt, um auch Führungen für ausländische gehörlose Besucher anbieten zu können. An jedem Wochenend-Tag (Samstag und Sonntag) jeweils eine Führung und dann noch in der Woche mindestens ein Führungsangebot. Einige Übersichts-Führungen und dann auf jeden Fall Führungen in unterschiedlichen Schwerpunkten. Das ist der Vorteil, wenn man vor Ort wohnt. Schade, dass die documenta sich trotz der festen Zusage bezüglich einer Zusammenarbeit mit mir, dann doch für eine Person ganz weit weg außerhalb Kassels entschied.

Resultat: statt 44 gebärdensprachige Führungen gab es im gesamten Zeitraum (100 Tage) der documenta nur drei (in Zahlen: 3) Führungen in Deutscher Gebärdensprache.

Doch welche Alternative außer einer Gebärdensprachdolmetschung (=indirekte Kommunikation!) gibt es dann? Keine!

Mein Ziel ist Inklusion! 

Inklusion ist wichtig, das sehen auch Museen. 

Für die Inklusion von Menschen mit Gebärdensprache mache ich mir die Mühe, den entsprechenden Aufwand für die wenigen Führungen sehr gerne! Auch mir macht die Arbeit im Museum als Führende in Gebärdensprache so viel Spaß! Ich selbst lerne bei jeder Ausstellung einiges Neue dazu und bereichert auch mein Leben. Es kommt auch bei möglicherweise wenig Teilnehmenden so viel Feedback. Durch meine Spezialisierung auf den Dialog während der Führung kann ich meine gebärdensprachigen Teilnehmenden während der Führung gut mitnehmen und ihnen die Ausstellung und somit das weitere Wissen über die jeweilige Kunst in der Ausstellung näherbringen.

Eine Spezialisierung auf eine bestimmte Epoche wird mir außer ganz tiefe Einblicke in diese Epoche und viel Spezialwissen nicht viel bringen. Im Gegenteil. Es würde mir dann deutlich weniger gebärdensprachige Teilnehmende bringen und viele andere interessante Ausstellungen in und um Kassel bleiben weiterhin für gehörlose Menschen unzugänglich. 

Meine Spezialisierung ist Verwendung der Gebärdensprache und die Vielseitigkeit meiner Themen! Ich möchte in möglichst vielen verschiedenen Ausstellungen mindestens eine gebärdensprachige Führung ermöglichen können.

Für den Raum Nordhessen und Kassel biete ich für Museen, die eine gebärdensprachige Wissensvermittlerin suchen, sehr gerne meine Dienste und ein kostenfreies Kennenlern-Gespräch an.

Karin Müller Schmied

Für mich steht die kommunikative Barrierefreiheit an erster Stelle. Als Kindergartenassistentin begleite ich Dein gehörloses Kind im Kindergarten in Deutscher Gebärdensprache. In Museen führe ich Dich und Deine Familie durch die Ausstellungen in Deutscher Gebärdensprache und mache selbst Kunst.

In der Freizeit male und gärtnere ich gerne.

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